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Liebe Freunde, das war ein Wochenende. Ich kann mich nicht erinnern, so ein Trial jemals erlebt zu haben. Das war mein 187. Wettbewerb insgesamt - und mein schönstes Trial bisher. Da war einfach alles drin und alles hat gepasst. Aber der Reihe nach...
Der Wetterbericht hat ein schönes Wochenende angekündigt und der Bodenseelauf in Vandans stand im Kalender. Eine Woche nach unserem Trial in Herbolzheim hatten wir usprünglich nicht geplant, die weite Reise nach Österreich zu unternehmen. Aber für die Bodenseemeisterschaft könnte ich noch gut ein paar Punkte gebrauchen...
Am Samstag Mittag fuhren wir los. Papa hat die Motorräder gecheckt, Mama die Klamotten und Verpflegung gerichtet - ruckzuck war "Big Blue" startklar. Papa konnte nicht mit - aber Opa hatte Lust auf eine Spazierfahrt am Bodensee entlang ins Montafon.
Also fuhren wir in ein wunderschönes Herbstwochenende - über den Schwarzwald, Richtung Friedrichshafen und Lindau. Dann gings durch den Pfändertunnel auf der Rheintalautobahn in Richtung Arlberg/Silvretta bis Bludenz, dort bogen wir ab in Richtung Silvretta. Nach ein paar Kilometern waren wir dann in Vandans.
Schon weit vor dem Ort waren die Hinweise auf das Trial am Sonntag sichtbar, im Ort alles schon ausgeschildert, der Weg zum Fahrerlager sehr einfach zu finden. Nachdem "Big Blue" seinen Standplatz hatte, haben wir uns umgeschaut auf dem Festplatz. Eine Sektion war zu sehen, eine Kunstsektion, mit Absperrgittern eingezäunt. Daneben ein Anfängerplatz, wo interessierte Zuschauer mit Motorradführerschein einmal das Trialfahren ausprobieren konnten. Aber wo waren die anderen Sektionen? Wir dachten, alles sei auf dem Bauhof...
Urban Müller führte uns zur Infotafel, ein Satellitenbild, auf dem die Strecke eingezeichnet war. Und dann nahm er uns beiseite und zeigte hinauf über den Ort: Siesch Du da oben den grauen Fleck? Das Geröllfeld? Da oben isch die oberschde Sektion! Au weia - dachte vor allem Mama...
Wir bedankten uns und schauten auf dem Weg zum Restaurant gleich noch die Sektionen 1, 2 und 7 an, die in kurzer Entfernung vom Fahrerlager zu Fuß zu erreichen war. Über einen Radweg, der am Fluss Ill entlang führt, die Radunterführung unter der Straße hindurch, dann kam man eine Stelle, wo ein großer Schmelzwasserfluss in die Ill mündet. Viel Schmelzwasser kam im Moment natürlich nicht, es war nur ein kleines Bächlein. In dem eingedämmten Kanal lag jede Menge loses und wildes Geröll unterschiedlicher Größe. Und rechts und links am Hang waren die Sektionen angeordnet. In dem Kanal führte dann ein eigens aufgeschütteter und planierter Schotterweg das Tal hinauf, mitten durch den Ort, bis zu den nächsten Sektionen. Bei Sektion 3, 4 und 5 war dann noch eine Jausenstation eingerichtet, von da ging es noch einmal ein paar hundert Meter weiter durch das Bach- und Geröllbett hinauf bis zur Sektion 6. Sektion 7 lag dann wieder unten am Radweg und Sektion 8 war die Schausektion bei Start und Ziel. Alles überwiegend Fahrsektionen, ganz enge Kurven, lose Hänge, Bäume, ein paar unwegsame Ecken, und viel Geröll. Eigentlich alles, was es so an Untergründen gibt.
Erwähnenswert ist, dass die Gemeinde diese Veranstaltung voll unterstützt. Der Bauhof ist mit allen schweren Geräten und Mitarbeitern im Einsatz, um an den Tagen vorher die Vereinsmitglieder des VMTC bei der Herrichtung der Sektionen und der Zwischenstrecke zu unterstützen.
Oh je, der Blick in die 3 Sektionen unten am Radweg machte mich ein wenig mutlos. Gut, Hangkehren kann ich ganz gut fahren, enge Kurven auch, aber der Boden war lose und locker, und die Hänge sehr steil. Und da dies kein offizielles Trainingsgelände ist, sondern die Sektionen eigens für diese Veranstaltung gebaut wurden, gab es keine Anhaltspunkte oder Spuren, wie man da fahren könnte. In Sektion 7 war ein tiefer Graben, der Hang unterhöhlt, und kaum ein Anlaufmöglichkeit zum Abspringen - Stirnrunzeln bei Mama und auch bei mir...
Nun ja, wir gingen zum Abendessen in die Pizzeria und freuten uns zunächst mal, dass wir überhaupt so ein Trial in einer solch tollen Gebirgskulisse mit einer so schönen Rundstrecke erleben dürfen. Das Wetter schön, die Kulisse gigantisch, ein Ritt durchs Bachbett - was will man mehr...
Als wir fast fertig waren, ging die Türe auf und herein kamen - bekannte Gesichter aus dem Schwabenland: Karin und Klaus Röhm, Gerald Kiefer und Harald Glaser. Das war ein Hallo! Sie fahren nicht in der Bodenseemeisterschaft, sie hatten einfach auf der Grimmialp gehört, dass in Vandans so ein schönes Trial stattfinden soll. Mama hat dann gefragt, ob sie mich mitnehmen und mir behilflich sein würden, und Mama und Karin würden dann zusammen den Wasserträgerjob machen... Kein Problem, sagte Klaus, das machen wir doch selbstverständlich...
Am nächsten Morgen, als ich aufwachte und aus dem Fenster schaute, konnte ich ein schönes Naturschauspiel beobachten. Die Sonne ging gerade auf, aber im Tal war davon noch nichts zu sehen. Nur eine Felsspitze direkt über uns, die färbte sich langsam nach und nach total rot, bis sie dann golden im Sonnenlicht glänzte. Herrlich, kein Wölkchen am Himmel, die Luft klar und frisch, das versprach ein Bilderbuchherbsttag zu werden.
Nach dem Frühstück haben wir die Motorräder ausgeladen, noch einmal bis hinauf an die oberste Sektion geschaut, Mama hat den großen Rucksack genommen, Werkzeug und Verpflegung eingepackt, ich habe mich mit Klaus und den anderen ein bisschen warmgefahren.
Der Start war versetzt in der ersten Runde, rot und schwarz starteten in der Schausektion, grün in Sektion 1 und blau/weiss weiter oben. Also fuhren Mama und ich mal zur Sektion 1 und warteten dann dort, bis die anderen kamen. So hatte ich genügend Zeit, mir diese Sektion anzuschauen und auch, wie die anderen Grün-Fahrer sich dort durchkämpften. Kaum einer hatte weniger als 3 Punkte, fehlerfrei schaffte es keiner.
Dann bin ich gefahren - es war sauschwer, aber die Linie, die ich mir ausgedacht hatte, die hat funktioniert. Ich bin die Kurven weiter aussen gefahren, hab weiter ausgeholt, musste dann keinen Fuß setzen, um das Vorderrad aus dem Loch zu holen - und kam mit Null durch. Die inzwischen zahlreichen Zuschauer an der Sektion haben gejubelt und applaudiert - so was habe ich noch nicht erlebt. Dann sind wir weiter zur Sektion 2. Auch dort haben sich viele durchgekämpft, die Kurven auf dem losen Geröllhang waren wirklich nicht einfach - aber ich hab auch dort eine Null geschafft.
Klaus hatte es nicht so gut erwischt - er ist die Sektion mit Null gefahren bis zur Aus- und Abfahrt. Dort hat sein Vorderrad eingefedert und er hat einen sauberen Abgang auf den Ellenbogen gemacht. Und in Runde zwei gleich nochmal. Aber zum Glück ist nichts Schlimmes passiert.
Dann ging es den Schotterweg im Kanal hinauf. Es waren ganz viele Leute unterwegs, mit Kindern, Hunden, Rucksäcken, auf den Brücken standen Leute und haben zugeschaut. Die Sektionen 3 und 4 waren am Waldhang oberhalb des Geröllbettes, und die grüne, blaue und weiße Spur führten einen steilen Absatz hinunter ins lose Geröll. Dort wieder Schwung zu kriegen und wieder auf die Höhe des Wäldchens hinauf zu kommen, das war ganz schön schwierig.
Ich hatte von da an keinen Anhaltspunkt mehr, wie meine Konkurrenten in der grünen Spur gefahren sind, denn sie waren alle schon durch. Sektion 5 war megacool. Das A-Schild unter der Brücke, Einfahrt durch den Bach, über einen Stein zurück durch den Bach, dann an der Brücke ein paar Felsen hinauf, eine enge Wende, dann oben am Sektionsrand und an den Zuschauern entlang wieder abwärts und mit einem Sprung durch den Bach ans Ende. So die Theorie...
Ich fuhr los, 2. Gang, durch das Wasser, Gas und hopp, oben auf den Stein, der Gang sprang raus, ich hatte keinen Vortrieb mehr und stürzte kopfüber abwärts. Wie ein Handschuh würde André sagen... Ich rollte über einen Stein und landete dann bäuchlings und der Länge nach im Bach! Vollbad! Alles war naß und es war eisig kalt! Meine Beta schlug hinter mir auf den Stein, blieb auf dem Lenker liegen und der Motor jaulte auf. Ich geriet darüber in Panik, mein Moped, meine Beta! Hilfe! Doch Klaus und Gerald waren schon hingeeilt und haben sie wieder aufgestellt. Ich war völlig fertig, ich fror erbärmlich, meine Schulter tat weh und ich wollte nur noch eines - sofort heim! Mama sagte, wir würden jetzt erstmal zum Big Blue gehen und schauen, was eigentlich los ist und vor allem trockene Sachen anziehen. Ich dachte, meine Beta müsste ganz kaputt sein, so wie das gekracht hat...
Also fuhren wir zum Big Blue zurück. Dort zog ich mich aus, aber ich wollte einfach nicht mehr!
Mama hat dann gesagt, ich soll mich mal umschauen, das herrliche Wetter, die grandiose Kulisse, es sei doch völlig wurscht, ob da jetzt ein Fünfer auf der Karte ist oder nicht, so eine Gelegenheit für ein solch schönes Trial hätte ich bestimmt nicht so schnell wieder. Und an der obersten Sektion waren wir ja noch gar nicht!
Dann schauten wir nach dem Motorrad. Zuerst hatte ich befürchtet, dass der Lenker ab oder verbogen sein könnte. Aber der war völlig gerade. Das vordere Schutzblech war total verschrammt, aber dran und nicht ein- oder abgerissen. Der Deckel über dem Gaszug hatte einen Riss, war aber fest drauf. Natürlich war die ganze Hebelei verstellt - aber mit dem Imbusschlüssel war das alles schnell wieder in Position gerückt. Noch ein Schluck Apfelschorle, zwei Tomaten und ein Traubenzückerchen, ein Klaps auf die Schulter mit dem Hinweis, den Rest des Tages zu genießen - dann gings weiter. Klaus und die anderen haben auf mich sogar gewartet und sind dann mit mir bis zur Sektion 6 hinauf gefahren, obwohl rot und schwarz dort gar nicht hin musste. Das fand ich ganz super, und das hat mich wahnsinnig motiviert!
Und es war einfach ein toller Ritt da hinauf, kreuz und quer durch das Wildwasserbett... Dann die Sektion, ein gemauerter Damm, endlos rauf und runter, ganz schön knifflig, und eine wahnsinnige Aussicht hinunter auf den Ort und im Hintergrund die leicht gezuckerten Berge. Das war es Wert, weiter zu machen!
Also wieder runter zur Sektion 7. Der Graben war inzwischen nicht mehr tief und passierbar, die Auffahrt oben am Baum rum erforderte etwas Mut, war aber machbar, dann wieder steil runter, das Hinterrad durfte nicht am Stumpf eines knapp über dem Boden abgesägten Bäumchens hängen bleiben, eine ganz enge Kehre, alles ganz loser Waldboden, und dann wieder über einen Baum oben rum und ein Sprung fast ins nichts - das hätte auch schief gehen können - aber es klappte in jeder Runde. Dann zurück zur Sektion 8, wir waren fast die letzten... 2 Stunden waren wir nun schon unterwegs!
Opa saß mit dem Stuhl schon an der Sektion und beobachtete mich aufmerksam, schüttelte ungläubig mit dem Kopf, als ich da durch fuhr. Ich hatte 9 Punkte aus der ersten Runde mitgebracht - viel zu viel, dachte ich.
Dann gings ohne Pause gleich in die zweite Runde. Sektion 1, die wilden Hangkehren - diesmal hats mich voll erwischt. Plötzlich gings bergab, krach, ich landete mit der Schulter, diesmal war es die andere, an einem Baum. Aua, das tat höllisch weh! Nach Sektion 2 habe ich erstmal durchgeschnauft. Karin und Mama motivierten mich, und auch die Zuschauer, die wieder applaudiert haben, da konnte ich gar nicht anders - es ging weiter.
Nun war ich locker, hahaha, 2 Fünfer, was solls, nicht das Traumergebnis, das ich mir erhofft hatte, aber jetzt wollte ich das Trial genießen... In der zweiten Runde vergewisserte ich mich auch mehrfach, dass der Gang richtig drin war. Nun schaffte ich den Stein mühelos. Die Auffahrt an der Brücke war knifflig. Ich hüpfte herum, das Publikum jubelte, dann brauchte ich noch 2 Füße, um mich auf der Kante zu halten, aber die Leute klatschten und riefen trotzdem "Bravo" - ein Wahnsinn! Was das ausmacht!
Wieder gings zur obersten Sektion hinauf, der blöde Damm, und dann wieder hinunter. Der Weg ist das Ziel - ein Spruch, der in diesem Fall wirklich zutraf...
12 Punkte in Runde 2 - eine Rundentafel wurde nicht geführt. Also hatten wir keinerlei Anhaltspunkt, was das Wert war. Nach einer kurzen Tankpause gings gleich weiter. An Sektion 1 wollten wir uns mit den anderen vom "Team Deutschland" treffen, doch sie waren nicht da. Die dritte Stunde der vier Stunden Fahrtzeit waren vorbei und zwei Runden lagen noch vor uns - also gingen wir nun allein weiter, um auf jeden Fall noch rechtzeitig fertig zu werden. Ein kurzer Blick in die Sektion, reinfahren, durchfahren, fertig. Und weiter zur nächsten. Zurück zum Festplatz, letzte Karte und noch eine Runde - dann war es geschafft. Aber wir hatten keine Ahnung, welche Platzierung für mich herausspringen könnte! Aber das war mir schon fast egal, denn ich war wirklich von dieser Triallust erfüllt. Ich wollte jetzt noch einmal da hinauf, ohne Zeitdruck, noch einmal die ganze Schlucht von unten bis oben abfahren.
Das war cool, das hat viel Spaß gemacht, auch wenn ich dabei einen wirklich unglaublichen Stunt hingelegt habe. Schade, oder vielmehr gut, dass das keiner gesehen hat! Ich fuhr in dem Bachbett und habe ein Loch übersehen! Das Vorderrad tauchte unvermittelt unter, ich war so unvorbereitet, dass ich kopfüber über dem Lenker hing, schon dachte, Mist, jetzt lande ich wieder im Wasser! Die Füße waren beide in der Luft, eine Hand bis zum Ellbogen im Wasser, aber ich setzte keinen Fuß!!! Würde mich mal interessieren, was das für eine Wertung wäre! Der Lenker war nicht am Boden, die Füße waren nicht am Boden, nur mit der Hand im Wasser, schaffte es, zurück aufs Motorrad zu kommen, gab herzhaft Gas - und war aus dem Loch heraus! Ohne Sturz, ohne Abflug. Null? Egal, es war ja nur noch zum Spaß...
Dann sind wir wieder ins Tal runter, haben uns umgezogen und alles verstaut. Auf dem Festplatz war ein großer Andrang, denn an der Schausektion lief ständig Musik und zwischendurch wurde immer wieder kommentiert, was die Fahrer da so machen und was Trial eigentlich ist. Eine Superwerbung für den Trialsport!
Bei der Siegerehrung merkte ich dann, wie die Spannung stieg. Ich wurde richtig kribbelig. Zuerst wurden die "Alten" geehrt, Klassen 9, 8, 7. Dann kamen die 6er, die 5er. Und dann - Platz 8, 7, .... jetzt kommen wir zu den Pokalen... 3, 2 - "Und der Sieger ist Kevin Gallas aus Baden-Baden"! Ein Riesenapplaus, Bravo-Rufe, mein "Team" hat gejubelt - Ich war so glücklich, ich habe mich so gefreut - ich kann das gar nicht beschreiben! Und als ich dann die Ergebnisliste in der Hand hielt, konnte ich es kaum glauben: Ich hatte 42 Punkte - und der Zweite schon 70 !! Unglaublich. Nach der Siegerehrung wurden noch attraktive Sachpreise verlost - jeder Fahrer erhielt etwas.
Dieses Trial wird mir unvergesslich bleiben! Das Wetter, die Kulisse, die Sektionen, die Strecke, das Vollbad im Bach, der Absturz gegen den Baum, ich war kurz vorm Aufgeben, und dann dieses Ergebnis, dieses Erlebnis! Wenn ich noch nie ein Trialfan gewesen wäre, jetzt wäre ich einer.
Ein ganz besonderer Dank geht an die Punktrichter und Schreiber und Organisatoren in Vandans. Und natürlich an die vielen Zuschauer! Die waren alle so hilfsbereit, so freundlich, so mitfühlend, so motivierend! Wenn wir es terminlich einrichten können, werden wir zur 4. Veranstaltung in Vandans im nächsten Jahr auf jeden Fall wieder hingehen. Das muss man erlebt haben...
Dem Meistertitel in Klasse 4 der Internationalen Bodenseemeisterschaft bin ich damit natürlich einen großen Schritt näher gekommen... Der Endlauf in Baden-Baden am 19.10. wird die Entscheidung bringen...
Letztes Update:
17.07.2009 20:28