Dieses Jahr hat es endlich geklappt - ich konnte zu den Red Bull Romaniacs nach Sibiu in Rumänien fahren... ein erfolgreiches Abenteuer mit Hindernissen.

Nachdem ich mir im letzten Jahr beim letzten Training vor den Romaniacs das Schlüsselbein gebrochen habe, fuhr ich mit meinem Mechaniker Niko Harass in diesem Jahr voller Vorfreude in die Karpathen. Wir waren rechtzeitig da, um noch vor Ort etwas zu trainieren und wenigstens einen kleinen Eindruck von den Gegebenheiten vor Ort zu bekommen.

Am Sonntag passierte es dann - wir haben irgendwo etwas "Falsches" gegessen oder getrunken - wir lagen beide mit Magen-Darm-Problemen total flach, bzw. wechselten mit wackeligen Knien vom Bett in die Porzellanabteilung und wieder zurück. Kopfschmerzen, Schüttelfrost, extreme Übelkeit - an Essen war nicht zu denken. Den Pressetermin und das Einfahren auf der Prologstrecke am Montag musste ich komplett streichen. Zum Riders Briefing am Abend habe ich mich zwar hingeschleppt, aber allein beim Anblick des Catering Buffets wurde mir erneut übel. Ich war total demoralisiert, denn wie sollte ich so morgen den Prolog in Bestform absolvieren? Und wie soll Niko das Bike richten, wenn er genau so da hängt wie ich?

Prolog:

Am Dienstag Morgen bin ich zwar aufgestanden, aber ich bekam keinen Bissen runter. Ich fühlte mich elend und flau in der Magengegend. Aber ich wollte wenigstens versuchen, eine Runde zu schaffen, um "im Rennen" zu sein...

Nach der Reihenfolge der Startnummer absolvierte jeder Fahrer 2 Runden. Die beste Runde wurde gewertet und war ausschlaggebend für die Startreihenfolge im Prologrennen am Abend. Für meine erste Runde mobilisierte ich alle Kräfte. Am Anfang lief es ganz gut und ich schaffte es immerhin als 17., den mit zahlreichen kräftezehrenden und trickreichen Hindernissen gespickten Parcours zu durchfahren. In der zweiten Runde spielte nach wenigen Metern mein Kreislauf verrückt - ich fuhr nicht mehr auf Zeit und versuchte nur noch, heil ins Ziel zu kommen. Danach war ich total fertig. Mein einziger Gedanke war: Wie komme ich zu Kräften und wie kann ich heute Abend das Prolog-Final überstehen...

(c) Red Bull Romaniacs

Ich legte mich gleich wieder hin, essen konnte ich nichts. Bald hieß es schon wieder: Aufstehen, anziehen, Vorstart - und Start. Der Start erfolgte reihenweise. Jede Reihe 7 Fahrer. Nachdem die erste Reihe gestartet war, rollte die 2. Reihe vor. Ich stand aufgrund meiner Zeit vom Morgen in der 3. Reihe. 

In der ersten Runde bin ich noch gut gefahren. Aber dann merkte ich, wie meine Kräfte schwanden. Ich konnte nicht mehr elegant die Baumstämme im "Double" nehmen, sondern musste das Bike mühsam erst über den einen, dann über den anderen Baumstamm hieven - das kostete natürlich noch mehr Kraft. Besonders frustrierend war, dass ich nach kurzer Zeit schon überrundet wurde. Ich konnte nicht dagegen halten, sondern schaute nur, dass ich irgendwie heil ins Ziel kam. Immerhin: Auch im Prolog-Finale konnte ich meinen 17. Platz halten. Mehr war an diesem Tag einfach nicht möglich.

Am Abend beim Riders Briefing wurden die offiziellen Ergebnisse des Prologs verkündet. Außerdem erhielten wir die Instruktionen für den 1. Offroad-Tag. Ich brachte noch immer keinen Bissen runter. Allein der Gedanke an Essen verursachte weitere Übelkeit. Ich konnte nur versuchen, so schnell wie möglich zu schlafen und auf Besserung zu hoffen.

Offroad Tag 1:

Die Startzeiten an den Offroad-Tagen waren alle früh am Morgen, bei Sonnenaufgang. Das hieß, die Nacht war kurz. Auch frühstücken konnte ich nichts. Jeder Bissen verursachte Übelkeit. Aber ich wollte es wenigstens versuchen, im Rennen zu bleiben und irgendwie innerhalb der maximalen Fahrtzeit am Abend ins Ziel zu kommen. 

Bis zum Servicepoint musste ich mich mehrfach übergeben und kam ziemlich fertig dort an. 20 Min. Pause waren für jeden Fahrer Pflicht. Während Niko sich um meine Husqvarna kümmerte, versuchte ich, etwas zu essen. Aber es ging einfach nicht. Mit leerem Magen fuhr ich weiter, so gut es eben ging. Den letzten Checkpoint habe ich knapp verpasst, was mir eine Timebar Penalty (Zeitstrafe) einbrachte. Der Tag endete mit Platz 17 und einer Fahrzeit von gut 8,5 Stunden. 

(c) OPmri Gutmann

(c) Omri Gutmann

Ohne Verletzungen und ohne schwere Schäden am Bike, aber total fertig und ausgepumpt fiel ich erstmal ins Bett. So ein Mist aber auch, ich habe ansonsten einen sehr robusten Magen, und ausgerechnet jetzt, bei der härtesten Enduro-Rallye der Welt und einem Highlight in meinem diesjährigen Rennkalender...

Abends konnte ich am Buffet wenigstens etwas Hähnchenbrust und Pastasalat finden und mit Appetit essen. 

Offroad Tag 2:

Wieder klingelte um 4.30 h der Wecker, hieß es, irgendwie die Augen auf zu kriegen. Nach dem Frühstück wurden jedem Fahrer die GPS-Geräte mit den Daten für die anstehende Etappe ausgehändigt. Wir machten wir uns auf den Weg zum Startplatz, der an jedem Tag woanders war, zum Teil bis 80 km außerhalb der Stadt. Diese Atmosphäre so früh am Morgen, die Sonne noch nicht über den Bäumen, ist schon etwas ganz besonderes. Die Luft ist noch empfindlich kühl, einzelne Nebelschwaden liegen über den Feldern und vermitteln einen surrealen Eindruck. Auf den ersten Waldetappen war es noch so dunkel, dass man trotz Scheinwerfer Mühe hatte, den Untergrund zu "lesen". Teilweise führte der Weg auf über 2.000 Metern Höhe, da war die Luft morgens noch frostig.

Die 17 sollte wohl mein Dauerplatz werden - denn auch diesen Tag beendete ich mit diesem Platz, nach 7:13 h Fahrtzeit. Ich fühlte mich aber besser als am Vortag, konnte auch unterwegs am Servicepoint etwas nachschieben. 

Offroad Tag 3:

An diesem Morgen fühlte ich mich zum ersten Mal "gut". Gut im Vergleich zu den Vortagen. Ich hatte tief und fest geschlafen, Übelkeit und Kopfschmerzen waren verflogen. Aber ich fühlte mich immer noch schlapp und weit weg von meiner Bestform. Die Marathon-Etappe mit 153 km lag vor mir.

Ich stieg bei Sonnenaufgang auf das Motorrad und von da an suchte ich den Spaß und die Freude am Fahren, an diesem Gelände, an den superschnellen Singletraills, auf denen das GPS urplötzlich zum Abzweig in einen winkeligen Canyon aufforderte oder zu einem der unzähligen nicht enden wollenden Steilhänge führte. Schon nach der ersten Rampe seitlich an der Brücke konnte ich im Wald die ersten Plätze gut machen. Von Checkpoint 1 bis zum 1. Servicepoint lag ich auf Platz 7. Doch schon bei der berühmten "Mofo" musste ich feststellen, dass der Zusatzlüfter am Kühler nicht mehr läuft. Als ich von Martin Freinademetz alias Mister Romaniacs die Info erhielt, dass ich die Hälfte des steilen Abschnittes schon hinter mir habe und auf der anderen Seite unten der Servicepoint1 liegt, war ich beruhigt. Dort kümmerten sich nicht nur Niko und Dominik um das Bike, sondern auch die Leute von den Teams nebenan kamen und halfen, mit Rat und Tat, die Elektrik der Husqvarna TE 300 wieder flott zu kriegen. Allerdings dauerte dadurch der Service-Stopp ungefähr doppelt so lang wie die 10-minütige Mindestpause. 

Danach lief es einige Zeit ganz gut, aber bald schon fiel der Lüfter wieder aus. Und nicht nur das - auch der E-Starter funktionierte nicht mehr. Das kostete mich in diesen schweren und steilen Passagen wertvolle Zeit. Ich musste immer wieder anhalten, Wasser über den Kühler schütten, um möglichst einen Motorschaden zu vermeiden. Wie nützlich und kräfteschonend ein E-Starter in solch hartem Gelände ist, merkt man dann vor allem, wenn er ausfällt. Wenn man kaum einen Halt findet am rutschigen Steilhang, und dann auch noch die Maschine antreten muss, wird man unweigerlich zum Akrobat. Und es kostet Kraft, Kraft, Kraft. Aber ich wollte unbedingt retten, was zu retten ist. Wasser erfragen, kühlen, kämpfen. Einige Abschnitte waren nicht fahrbar. Wir Fahrer mussten uns gegenseitig helfen und die Maschinen den Berg hinauf schieben, ziehen und tragen...

An Checkpoint 7 angekommen, erfuhren wir dann, dass dies das heutige Ziel für die Gold- und Silver Fahrer war. In der Nacht hatte es stark geregnet und die letzten Streckenabschnitte waren nicht mehr in der maximalen Fahrzeit zu überwinden. Dagegen hatte ich natürlich nichts einzuwenden - und auch für mein Bike konnte die verkürzte Etappe nur von Vorteil sein. Mit Platz 10 an diesem Tag war ich angesichts der schweren Strecke und der technischen Hindernisse mehr als zufrieden. 

Als am Abend diese Platzierung dann auch offiziell bestätigt war, schmeckte mir auch das Abendessen. Glücklich und motiviert wollte ich nun auch noch am letzten Tag der Red Bull Romaniacs zeigen, was ich kann.

Offroad Tag 4:

Noch einmal hieß es früh raus. Der letzte Tag erwartete uns. Ich gab mein Bestes, fuhr konzentriert. Meine Husky funktionierte einwandfrei. Noch einmal war die Strecke gespickt mit abenteuerlichen Steilauffahrten und nachfolgenden Downhills. Als ich nach ca. 6 Stunden endlich am Fuß des legendären Gusterita Hill Climb stand, schnaufte ich noch einmal tief durch - und los ging die endlos scheinende Auffahrt - danke an alex_khn7, dass er das Smartphone im richtigen Moment zückte:

Nur ja nicht vom Gas gehen, nur ja nicht hängenbleiben, immer Druck aufs Hinterrad - und dann war ich oben! Den Jubel der Zuschauer hatte ich noch im Ohr, als es hinunter zum letzten Hindernis, dem Wallride ging. 

Ich kann nicht in Worte fassen, welche Gedanken mir durch den Kopf gingen, als ich diesen letzten Schwung nahm und die wohl berühmteste Schlammpfütze Rumäniens übersprungen habe. 

Ich war angekommen - als 13. Fahrer an diesem Tag im Ziel der Red Bull Romaniacs 2017.

In der Gesamtwertung erreichte ich nach insgesamt 39:21 Stunden auf den Rasten meiner Husqvarna TE 300 Platz 13! Ich bin froh, diese Enduro-Rallye im ersten Anlauf unverletzt überstanden und das Ziel erreicht zu haben. Wie groß die Herausforderung ist, wie selbst langjährige Erfahrung und Weltklasse-Können unkalkulierbare Situationen nicht verhindern können, zeigen die teilweise dramatischen Stürze und die prominenten Ausfälle dieser Red Bull Romaniacs.

Ich danke allen, die mir im Vorfeld und an der Strecke geholfen haben. Insbesondere natürlich Niko Harass und dem Team Hill Climb, sowie meinem Hauptsponsor Grenzgaenger und den Sponsoren MH-Racing und Endurides by Marko Prodan. Sie alle haben dazu beigetragen, dass ich an diesem Rennen endlich teilnehmen konnte. Ohne sie wäre es mir nicht möglich, so erfolgreich diesen Sport auszuüben.