Am 20./21.01.2018 hat es mich nach Südfrankreich gezogen. Das 24MX Alès Trêm hat mich schon lange fasziniert. Es zählt zu den härtesten Extrem-Enduro-Veranstaltungen der Welt.  

Knapp 600 Fahrer hatten sich in vier verschiedenen Klassen angemeldet. Am Samstag Morgen ging es los mit dem Mitas Xtrem Test. Jeder Fahrer konnte max. 2 Runden auf einem flüssigen und recht schnellen Track durch das Gelände rund um den "Pole Méchanique" in Alès fahren. Die schnellste Runde wurde für die Qualifikation zum Minerva-Prolog gewertet. In der ersten Runde verhinderte ein kleiner Sturz eine Spitzenzeit. In der zweiten Runde konnte ich einen fast fehlerfreien Lauf hinlegen und hatte die fünftschnellste Zeit. Damit war ich eine Runde weiter.

Der Minerva-Prolog wurde nachmittags mitten in der Stadt Alès am Flußufer ausgetragen. Die Zuschauer hatten von der höhergelegenen Promenade einen tollen Überblick über den ganzen Kurs, der wie ein Superenduro-Track mit künstlichen Hindernissen aus Reifen, Betonröhren, Baumstämmen und Steinfeldern aufgebaut war. Aus jedem Gruppenrennen qualifizierten sich die schnellsten 8 Fahrer für das Halbfinale. Ich kam in meinem Gruppenrennen gut vom Start weg und lag schon am ersten Hindernis in Führung. Ich fühlte mich gut und sicher, konnte meinen Rhythmus und meine Linien fahren. Mit großem Vorsprung erreichte ich das Ziel - und war im Halbfinale.

Vor dem Halbfinale ging mein Puls schon etwas hoch. Mein großes Vorbild, Graham Jarvis, und Wade Young waren in meiner Gruppe. Doch ich versuchte, ruhig zu bleiben. Am Start kam ich gut weg und konnte meine Linie zum ersten Hindernis unbehelligt fahren. Schon lag ich in Führung. Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Den Altmeister aus Großbritannien und den starken Südafrikaner im Rücken. Ich musste ruhig bleiben und mich konzentrieren. Ich fand an jedem Hindernis die schnelle Linie und pushte, so gut ich konnte. So habe ich auch die schnellste Runde dieses Rennens auf meinem Konto. Das Ziel erreichte ich mit unglaublichen 12,5 Sekunden vor Graham Jarvis - und stand im Super-Final.

Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Für das Nacht-Race hatte sich jeder Fahrer mit Zusatzbeleuchtung ausgerüstet. Ich war noch nie bei einem Nacht-Rennen und entsprechend aufgeregt. Mein Start war perfekt und schon war ich wieder in Führung - die ganze Meute hinter mir. Es wurde schnell stockdunkel und mir wurde klar, dass ich das Tempo nicht weiter fahren kann. Ich sah einfach nicht genug. Die eine Seite des Kurses war mit Scheinwerfern ausgeleuchtet, da ging es einigermaßen. Aber die andere Seite lag am unbeleuchteten Flußufer. Ich fuhr und sprang ins schwarze Nichts - kein gutes Gefühl. Blitzsschnell schossen mir die Gedanken durch den Kopf. Einerseits wäre der Sieg in diesem Super-Final ein tolles Ergebnis für mich. Andererseits riskierte ich mit jeder Landung einen Sturz. Damit wäre mein Start im Hauptrennen gefährdet. Und natürlich wollte ich keinesfalls die Superenduro-WM gefährden. Also zügelte ich mein Temperament und pushte nicht weiter. Wie schlecht meine Beleuchtung war, habe ich erst gemerkt, als mich die Werkspiloten ein- und überholten. Auf einmal war es um mich herum taghell. Ich hängte mich dran und kam unverletzt als 5. ins Ziel. Damit stand ich auf jeden Fall am Sonntag in der ersten Startreihe.

Am Sonntag um 10 Uhr ging es los. "Le Mans"-Start. Nicht meine Lieblingsart zu starten, denn mit den Stiefeln und Orthesen ist man kaum beweglich. Ich kam relativ gut weg, konnte am ersten Wasserloch gleich ein paar Fahrer überholen und sortierte mich auf Platz 2 hinter Wade Young ein. Im Laufe der ersten Runde konnten sich die ersten 5 Fahrer vom Rest des Feldes etwas absetzen. Die 5 - das waren die Werkspiloten Graham Jarvis, Mario Roman, Wade Young, Travis Teasdale - und ich. Innerhalb einer Minute erreichten wir den Servicepoint.

Allerdings dauerte mein Stopp länger als bei den anderen. Ich blieb anfangs der Runde mit meinem Trinksystem irgendwie an einem Baum hängen. Dabei ist mir das Mundstück abgerissen und der gesamte Wasservorrat war verloren. Ich konnte beim Stopp zwar genug trinken, aber in die 2. Runde musste ich ohne Wasservorrat gehen. Die 2. Runde war um einiges schwerer und anstrengender als die erste. Ich machte einige Fehler, aber ich erreichte nach weiteren 2 Stunden immer noch als 5. den Servicepoint. 

Mein Team hatte inzwischen einen Ersatz für mein beschädigtes Trinksystem organisiert. Gottseidank. Vorsichtshalber montierten wir auch wieder die Zusatzleuchten, denn es war zu erwarten, dass das Rennen bis zur Dunkelheit dauern könnte. Schon zu Beginn der 3. Runde war klar - die ersten beiden waren ein Spaziergang gegen das, was uns hier erwartete. Kaum noch ein flüssig zu fahrender Trail, nur noch endlose Steinfelder, steile Hänge rauf und runter, durch ausgefahrene Bachbetten mit Riesensteinen und glitschige Wasserfälle.

An einem solchen Wasserfall war mein Rennen fast zu Ende. Ich war eine Sekunde unkonzentriert, machte einen Fahrfehler - und stürzte samt meiner Husky ca. 7 Meter in die Tiefe. Ich hörte nur noch ein Krachen und Splittern und dachte schon, das ist das Aus. An mich hab ich dabei gar nicht gedacht. Erst mal das Bike aufgerichtet und die Schäden inspiziert. Ich war total down, denn so ziemlich alles war verbeult, verbogen und zerbrochen. Mit krummem Lenker kann man ja notfalls fahren, abgebrochene Brems- und Kupplungshebel kann man notdürftig benutzen oder muss halt ohne fahren. Aber ein völlig zertrümmerter Gasgriff? Verzweifelt überlegte ich, wie ich weiter kommen könnte. Ich hatte noch 2 alte Klebebandstreifen am Motorrad. Und von meiner Freundin ein Haargummi am Lenker. Damit flickte ich die Teile irgendwie zusammen, so dass der Gaszug noch ein bißchen zu bewegen war. 

Ich konnte weiterfahren - puh..... Doch kurz darauf ein neuer Rückschlag. Wenige Minuten nach einem Checkpoint war mein Tank leer. Es blieb mir einfach nichts anderes übrig, als zu schieben. Nicht auf einem Weg, sondern im tiefen unwegsamen Gelände. Steinfelder, Baumstämme, Felsformationen. Mit voller Montur und nach bereits 2 anstrengenden Runden war das die Hölle.  Erst nach ca. 30 Minuten habe ich den nächsten Checkpoint erreicht, wo ich nachtanken konnte. Aber ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Mein ganzer Körper war von Krämpfen geschüttelt und ich wollte nur noch eines - irgendwie ins Ziel kommen.

Als ich den Servicepunkt erreichte, lag ich trotz des ganzen Dilemmas noch auf Platz 5. Jetzt waren es nur noch wenige Kilometer ins Ziel, aber es war schon stockfinster. Und auch das letzte Teilstück war mit extremen Hindernissen gespickt, die vor allem im Dunkeln zur Herausforderung wurden. Wer von euch schon mal eine Nachtwanderung gemacht hat, weiß vielleicht, wie sich das anfühlt, wenn man nur den kleinen Bereich im Lichtkegel der Lampe einigermaßen erkennen kann. Nun stellt euch mal vor, ihr müsst so im Rennmodus und völlig erschöpft zum Ziel hechten... An einem losen Geröllhang bin ich dann auch nochmal gestürzt. Während ich mit letzter Kraft mein Motorrad aus einem Gebüsch geborgen habe, überholte mich ein Fahrer. 

Ich mobilisierte meine letzten Reserven - ich wollte nur noch vor Rennende das Ziel erreichen. Die letzten Meter, der letzte Hang mit den großen Stufen - um 18.23 Uhr fuhr ich auf Position 6 über die Ziellinie. Ich war so fertig, aber auch so glücklich. Insgesamt erreichten bei der 4. Ausgabe des Alès Trêm 8 Fahrer das Ziel. Erst jetzt merkte ich, was mir rundherum alles weh tat und wo es zwickte und zwackte. Aber egal, ich hatte es geschafft - und jede Menge Erfahrung gesammelt. 

Ich danke allen, die mir vor Ort geholfen haben, meinem Hauptsponsor Grenzgaenger, der mir die Teilnahme an solchen Events ermöglicht, MH Motorräder für ein super-präpariertes "Beast", und Marko Prodan von Endurides, mit dem ich mich immer wieder "von Fahrer zu Fahrer" austauschen kann. 

 

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